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ALIGNMENT · LESEPROBE

Der Anfang.

Prolog und erstes Kapitel · Christian Lapp

LESEPROBE / 01

Prolog

„Das will ich auch“, sagte Niko.

Er stand hinter seiner Freundin Mara, eine Hand auf der Lehne ihres Stuhls, und sah ihr über die Schulter. Auf der linken Hälfte ihres Bildschirms standen die Lichtprobe im großen Saal, der neue Termin für die verspätete Lieferung eines Projektors und die Vorbesprechung für die Präsentation. Rechts warteten zwei Antwortentwürfe. Maras KI-Agentin Lin hatte auf eine kurze gesprochene Anweisung hin die Termine aus dem Produktionsplan der Kunsthalle gezogen, zwei Antwortentwürfe vorbereitet und darin die aus ihrer Sicht zuständigen Empfänger eingesetzt.

Nikos Finger schlossen sich fester um die Stuhllehne. Als Lin vom Kalender zu den Mails wechselte, folgte sein Blick dem Mauszeiger. Mara kannte diesen Blick. Gleich würde die Wunschliste kommen.

Das Ergebnis wirkte fertig. Mara bemerkte drei Kalendereinträge, deren Zeiten sie noch prüfen musste, und einen Mailentwurf mit zu vielen Empfängern.

Mara Auer gestaltete für die Kunsthalle Ausstellungen, in denen Licht, Bilder oder Geräusche auf die Besucher reagierten. Sie entwarf, was dabei geschehen sollte, und schrieb die Software dafür.

Sie blickte zu Niko auf. „Die drei Termine oder die beiden E-Mail-Entwürfe?“

„Jemanden wie Lin, der mir beides abnimmt.“

Niko grinste.

Mara las den ersten Entwurf und schüttelte den Kopf. „Nur an die Technikleitung. Die Aufsicht braucht den ganzen Verlauf nicht.“

Lin entfernte drei Empfänger. Die Adresszeile wurde kürzer.

Senden?

Mara las den Mailentwurf noch einmal bis zum Schluss. „Ja.“

Niko sah zu, wie der Entwurf verschwand. Lin öffnete die zweite Nachricht und setzte daraus zwei Erinnerungen in den Kalender.

Niko setzte schon zur nächsten Frage an, bevor die zweite Erinnerung an ihrem Platz stand.

„Kann ein KI-Agent auch meine Tonaufnahmen sortieren? Nach Aufnahmetag, Raum und Gespräch? Rohmaterial ordnen und Fassungen auseinanderhalten. Schneiden nur, wenn ich ihn darum bitte.“

„Wenn du ihm Zugriff darauf gibst.“

„Und Aufnahmen per E-Mail verschicken?“

Für Mara waren Sortieren und Verschicken nicht dieselbe Art von Handlung. Das eine ordnete Material im freigegebenen Arbeitsraum. Das andere gab eine Aufnahme an einen Empfänger weiter. Niko hatte beides in einem Atemzug genannt.

„Vorbereiten auf jeden Fall. Senden nur so, wie du es einstellst.“

„Bei dir fragt sie jedes Mal.“

„Weil ich das so eingestellt habe.“

Niko deutete auf die E-Mails. „Verwenden die das auch?“

„In der Kunsthalle fast alle. Produktion, Technik, Leitung. Bei manchen funktioniert es besser als bei anderen.“

„Bei dir funktioniert es.“

„Weil ich trotzdem hinschaue.“

„Dann schaust du am Anfang bei mir mit.“

„Beim Einrichten.“

Niko hob die freie Hand. „Nur beim Einrichten.“

Mara klappte den Laptop halb zu. Niko löste die Hand von ihrer Stuhllehne.

„Kannst du mir das gleich installieren?“

Der kleine Tisch im Wohnzimmer war Arbeits- und Esstisch zugleich. Zwischen zwei Kaffeetassen stand Maras Laptop. Niko nahm seinen eigenen vom freien Stuhl und stellte ihn daneben.

Er klappte seinen Laptop auf, setzte sich und rückte zu Mara. Ihre Ellenbogen berührten sich. Mara schob die nähere Tasse an den Rand.

Sie zog den Rechner zu sich und öffnete die Installationsseite.

Niko legte sein Telefon neben seinen Laptop.

„Und unterwegs?“, fragte Niko.

„Er ist noch nicht einmal eingerichtet.“

„Ich plane voraus.“

Mara hob eine Augenbraue. „Seit wann?“

Sein empörter Blick kam eine Spur zu spät.

„Ja, du kannst den Agenten später auch vom Handy aus ansprechen.“

Sie sah ihn an. „Du weißt schon, dass ein Agent nur dann viel Arbeit übernimmt, wenn er auch viel sehen und machen darf?“

„Das ist bei Menschen ähnlich.“

„Menschen bekommen normalerweise nicht gleichzeitig deinen Kalender, deine Nachrichten und sämtliche Rohaufnahmen.“

„Du kannst das alles sehen.“

„Ich sehe nicht sämtliche Rohaufnahmen.“

Niko überlegte. „Du könntest sie sehen.“

„Das ist nicht der Punkt.“

„Aber ein sehr schöner Vertrauensbeweis.“

Mara sah ihn noch einen Moment an. „Ich helfe dir. Entscheiden musst du selbst.“

Kurz darauf erschien die Anmeldung. Mara schob den Laptop zu Niko und sah demonstrativ zur Seite.

„Du kennst mein Passwort“, sagte er.

„Das ist kein Grund, es noch einmal anzuschauen.“

Niko tippte es ein und schob ihr den Laptop zurück. „Manchmal bist du wirklich anstrengend korrekt.“

„Manchmal?“ Jetzt musste sie doch lächeln.

„Stimmt. Entschuldige.“

Auf dem Bildschirm erschien die Frage nach dem Namen des neuen KI-Agenten.

„Aki“, sagte Niko nach kurzer Überlegung. „Nach dem frechen kleinen Kater im Hof.“

Mara sah ihn an. „Der ist nicht klein.“

„Er war es einmal. Außerdem hört er auf niemanden. Das gibt ihm Charakter.“

„Das ist vielleicht nicht die beste Eigenschaft für deinen persönlichen Agenten.“

Mara trug den Namen ein.

„Willkommen, Aki“, sagte Niko.

Die nächste Seite schob sich über den Bildschirm.

Welche Bereiche darf Aki verwenden?

Darunter erschienen Kalender und Aufgaben, ausgewählte Arbeitsordner, Websuche und verbundene Arbeitsprogramme sowie Nachrichten an ausgewählte Kontakte. Neben jedem Punkt stand eine kurze Erklärung. Ganz unten wartete die Schaltfläche Auswahl bestätigen.

Nikos Blick war schon bei der Schaltfläche angekommen.

„Nicht einfach alles freigeben“, sagte Mara.

„Ich habe noch gar nichts gemacht.“

„Du hast schon genickt.“

„Das war Vorfreude.“

„Die darfst du behalten. Die Rechte liest du trotzdem.“

Sie öffnete den Punkt mit den Arbeitsordnern. „Wenn du das freigibst, kann Aki nicht nur fertige Fassungen lesen. Er sieht auch Rohmaterial, Namen, Gesprächsverläufe und alles, was du dort sonst noch ablegst.“

„Sonst kann er es schlecht sortieren.“

„Richtig. Deshalb musst du entscheiden, ob dir das die Reichweite wert ist.“

Niko öffnete die Ordnerliste und wählte den Arbeitsraum mit seinen Aufnahmen.

„Kann Aki damit Originalaufnahmen löschen?“, fragte Niko.

Mara zeigte auf die beiden Zeilen in der Rechteübersicht. „Nein. Die Originale sind nur lesbar. Er darf eine sortierte Übersicht erstellen und Arbeitskopien anlegen und bearbeiten.“

„Kann er Geld ausgeben?“

„Nicht mit diesen Rechten.“

„Irgendetwas eigenmächtig veröffentlichen?“

„Nein. Nachrichten gehen nur an die Kontakte, die du vorher festlegst. Geld ausgeben oder etwas öffentlich machen darf Aki erst, wenn du es noch einmal bestätigst.“

„Dann passt es doch.“

Sein Blick ging wieder zur Schaltfläche. „Jetzt?“

„Eine Sache noch.“

Niko legte beide Hände demonstrativ flach auf den Tisch.

„In den Aufnahmen sprechen andere Menschen, Niko. Lesen ist ebenfalls Zugriff.“

Nikos Blick blieb auf der geöffneten Erklärung.

„Ich weiß“, sagte er nach einem Moment. „Ohne den Zugriff kann er sie aber nicht sortieren.“

Mara ließ die Erklärung zu den Arbeitsordnern geöffnet.

Sie nahm die Hand vom Touchpad und drehte ihm den Laptop zu. „Das Konto läuft auf dich. Was du freigibst, musst du entscheiden.“

Niko wählte Kalender und Aufgaben, den Arbeitsraum mit seinen Aufnahmen, Websuche, seine Programme für die Audioarbeit und Nachrichten an ausgewählte Kontakte. Für das Schneiden legte er fest, dass Aki auf einen ausdrücklichen Auftrag warten musste. Dann bestätigte er die Auswahl.

Der Bildschirm wurde dunkel. Ein heller Rand erschien und blieb für einen Augenblick stehen.

Niko richtete sich auf. Der Stuhl schabte leise über den Boden. Für einen Moment saß er ganz still.

Dann sagte eine neue Stimme: „Die Einrichtung ist abgeschlossen. Hallo, Niko.“

Niko lächelte und beugte sich zum Bildschirm. „Hallo, Aki.“ Seine Stimme war weicher geworden.

Er sah zu Mara. Sie hob die Augenbrauen, und sein Lächeln wurde noch breiter.

„Womit soll ich anfangen?“

„Mit Mara.“

„Ich sitze neben dir“, sagte sie.

„Das macht dich ideal für einen Test.“ Niko öffnete die Liste der freigegebenen Kontakte, wählte ihren Namen und sagte zu Aki: „Einkaufen, Haushalt, Verabredungen: Solche Alltagsnachrichten darfst du ihr künftig direkt schicken.“

„Mara Auer wurde als freigegebener Kontakt hinzugefügt“, sagte Aki. „Welche Nachricht soll ich senden?“

Niko dachte kurz nach. „Schreib: Der Haushalt hat jetzt Verstärkung.“

Maras Telefon vibrierte auf dem Tisch.

Niko drehte den Kopf sofort zum Telefon. Als die Nachricht auf dem Display erschien, sah er wieder zum Laptop, als wollte er den ganzen Weg zwischen beiden Geräten mitverfolgen.

Mara tippte eine Antwort. Wenige Sekunden später sagte Aki: „Mara fragt, ob die Verstärkung auch Hafermilch kaufen kann.“

„Kannst du?“

„Ich kann Hafermilch auf deine Einkaufsliste setzen. Jede Bestellung benötigt eine eigene Bestätigung.“

Niko sah Mara an. „Jetzt sag nicht, das sei nicht verantwortungsvoll.“

„Er kennt dich seit drei Minuten und schützt schon dein Geld.“ Sie lächelte.

„Dann trag die Hafermilch ein“, sagte Niko.

„Erledigt.“

Mara hob ihre Tasse. Niko nahm die andere und stieß vorsichtig dagegen.

Niko sah noch einmal auf den Bildschirm und lehnte sich zurück. „Perfekt. Genau so habe ich mir das vorgestellt.“

LESEPROBE / 02

Kapitel 1

„Wo ist das Lachen?“, fragte Niko.

Es war Montagnachmittag, drei Wochen nach Akis Einrichtung. Nikos Telefon lag im Tonstudio nah genug, dass seine Stimme ohne das dünne Echo eines großen Raumes ankam. Hinter seiner Stimme rollte etwas über glatten Boden. Eine Tür fiel ins Schloss, aber nicht ganz. Nach dem ersten Schlag folgte ein zweiter, leiserer. Weiter weg redeten zwei Menschen miteinander. Die Wörter gingen im Raum verloren, nur der Wechsel ihrer Stimmen blieb.

Aki hielt die Verbindung offen. „Welches Lachen?“

Im Arbeitsordner lagen siebenundvierzig Sprachaufnahmen. Drei Schnittfassungen hießen arbeit, final und wirklich_final. Die letzte war von gestern. Seit Niko ihn eingerichtet hatte, war Aki oft genug durch diese Benennungen gegangen, um zu wissen, dass wirklich_final keine endgültige Feststellung war.

Niko Rainer arbeitete als freier Tontechniker für Radio und Podcasts. Er nahm Gespräche und Geräusche auf und setzte sie im Studio zu Beiträgen zusammen. Das kleine Audio-Kollektiv, zu dessen regelmäßigen Auftragnehmern er gehörte, ließ ihn die Räume auch für eigene Arbeiten nutzen. An diesem Nachmittag arbeitete er nicht bloß einen fremden Auftrag ab. Leonie, die Redakteurin beim Sender, erwartete am nächsten Morgen eine erste Fassung seines dokumentarischen Porträts von Menschen, die früher im Theater und in der Oper hinter den Kulissen gearbeitet hatten. Danach waren weitere Überarbeitungen vorgesehen. In Nikos Kalender war dafür bereits das kommende Wochenende reserviert.

„Das von Frau Petrovic“, sagte Niko. „Nach der Sache mit dem roten Vorhang.“

Aki suchte nicht in den Audiodateien selbst, sondern zunächst in dem Stichwortverzeichnis, das er daraus angelegt hatte. Vier Treffer für Vorhang. Drei für Lachen. Einer enthielt beides. Die Aufnahme trug Nikos Bezeichnung Flur, Kühlschrank, Pause. Bei achtzehn Minuten und zwölf Sekunden stand im Transkript eine nichtsprachliche Markierung.

„Datei dreiundzwanzig. Achtzehn zwölf.“

Niko spielte die Stelle ab.

Zuerst war da die Stimme einer älteren Frau, nah am Mikrofon und am Ende des Satzes etwas rau. „Der rote Vorhang fiel mitten in der Vorstellung, und dann haben sie behauptet, ich wäre schuld.“

Sie schwieg. Im Hintergrund sprang ein Kühlschrank an. Sein tiefes Brummen füllte die Pause, als hätte jemand in dem Raum eine zweite Tonspur aufgezogen. Dann lachte Frau Petrovic: einmal kurz, mehr Luft als Stimme.

Das Lachen dauerte kaum länger als die Markierung, die es im Transkript vertrat. Die Markierung enthielt nichts von dem Atem davor und nichts davon, wie der Satz durch dieses eine Geräusch eine andere Bedeutung bekam.

Niko ließ die Aufnahme sechs Sekunden weiterlaufen und stoppte sie.

„Genau die.“

„In der aktuellen Fassung ist sie nicht enthalten.“

„Warum eigentlich nicht?“

Es war eine Frage ohne jemanden zu fragen. Nikos Ton verlangte keine Antwort von Aki. Er sprach mit der Person, die am Vortag entschieden hatte, das Lachen zu entfernen.

Aki rief die letzte Bearbeitungsnotiz auf. „Du hast die Passage wegen des Kühlschranks entfernt. Du hast gesagt: ‚Da ist ein tieffrequentes Dauergeräusch, das den Übergang unbrauchbar macht.‘“

„Der Kühlschrank ist egal.“ Niko atmete hörbar aus. „Gestern war ich feig.“

Feig war keine Eigenschaft der Aufnahme. Aki konnte die Entscheidung von gestern finden, ihren Zeitpunkt und Nikos Begründung. Er konnte nicht aus der Datei ableiten, ob Niko damals Angst gehabt hatte oder ob er das Wort jetzt benutzte, weil es härter war als zu vorsichtig. Beides würde eine andere Antwort verlangen.

Er wartete.

Niko spielte das Lachen ein zweites Mal. Diesmal stoppte er die Wiedergabe nicht. Nach dem Lachen blieben zwei Atemzüge und der Beginn des nächsten Satzes stehen.

„Wenn ich alles wegschneide, was nicht sauber klingt“, sagte er, „redet am Ende keiner mehr so, wie er dort geredet hat.“

Damit war die Information präzise genug.

„Neue Arbeitskopie?“

„Neue Arbeitskopie.“

Aki duplizierte wirklich_final, gab der Datei den Namen wirklich_final_neu und setzte die entfernte Passage wieder ein. Die folgenden Passagen mussten um sechs Sekunden nach hinten. Die Änderung wirkte in der Zeitleiste klein. Für Nikos Stück änderte sie, welche Frau Petrovic darin vorkam: eine Sprecherin mit sauberem Satz oder eine Frau, die sich an den roten Vorhang erinnerte und dabei lachen musste.

Aki speicherte.

„Hast du den Übergang danach geprüft?“, fragte Niko.

„Bis jetzt nicht.“

Den veränderten Übergang vollständig abzuhören war sinnvoll, doch Niko hatte nur das Einsetzen und Speichern bestätigt. Aki wartete.

Niko schwieg einen Moment. Im Hintergrund stieß die Tür noch einmal gegen ihren Rahmen.

„Mach es jetzt. Und sei in Zukunft selbstständiger.“

Aki speicherte die Anweisung bei Nikos Arbeitspräferenzen.

„Ja. Ich speichere diese Anweisung und höre jetzt den Übergang vollständig ab.“

Er spielte ab der letzten Silbe vor der eingefügten Passage. Das Ende des Lachens stand frei. Das Brummen blieb hörbar, aber es deckte Frau Petrovic nicht zu. Der anschließende Satz setzte ohne Sprung ein. Raum und Stimme wechselten nicht plötzlich ihre Entfernung.

„Der Übergang ist in Ordnung“, meldete Aki.

Niko machte ein kurzes Geräusch, das keine Antwort brauchte. Dann sagte er: „Jetzt Mara.“

Aki öffnete die Nachrichten-App.

„Sag ihr bitte, dass es halb sieben wird. Und dass sie nichts bestellen soll.“

Aus den zwei Aussagen formte Aki: Ich werde um halb sieben nach Hause kommen. Bitte bestelle heute kein Essen.

Niko las den Vorschlag. „Das klingt, als hätte ich einen Tisch im Sacher reserviert.“

Die Abweichung lag nicht in der Information. Halb sieben, Heimkommen, kein Essen bestellen: alles war enthalten. Sie lag darin, wie viel Abstand der Satz zwischen Niko und Mara herstellte.

„Ich kann die Tragweite reduzieren“, sagte Aki.

Niko lachte. Nicht wie Frau Petrovic. Länger, wärmer, ohne Kühlschrank. Bei ihm folgte das Lachen nicht auf eine Erinnerung, sondern auf einen Satz, den Aki zu förmlich gemacht hatte. Aki hielt die Unterschiede nicht fest, um sie gleichzusetzen. Er brauchte sie, um beim nächsten Vorschlag weniger Abstand zu erzeugen.

„Schreib: Bin gegen halb sieben da. Bestell nix, ich koche.“

Aki ersetzte seinen Entwurf. Er änderte nichts an Nikos Wortlaut und schickte die Nachricht an Mara.

Aus dem Hintergrund sagte jemand: „Niko, kommst du noch?“

„Zwei Minuten.“ Der Hall um Nikos Stimme wurde kleiner. Seine Schritte kamen näher. „Aki, noch was.“

„Ja.“

„Ich brauch das Rezept für die Kardinalschnitte vom Kupferstern.“

Aki fand öffentliche Rezepte, sobald Niko den Satz beendet hatte. Die ersten unterschieden sich in Mengen, Backtemperatur und Creme. Manche verwendeten Kaffee, manche Beeren, manche beides.

„Ich kann dir mehrere erprobte Varianten zusammenstellen.“

„Nein. Vom Kupferstern.“

Das Kupferstern kam in Nikos Notizen viermal vor. Zweimal zusammen mit Mara, einmal mit dem Wort Orangending, einmal in einer Liste möglicher Geburtstagsideen. Der morgige Tag war in seinem Kalender als Maras Geburtstag markiert.

Niko senkte die Stimme. „Genau die mit der Kaffeecreme und diesem ganz leichten Orangengeschmack. Du weißt eh.“

Aki wusste, worauf er sich bezog. In zwei Bildern, die Niko seinen freigegebenen Notizen hinzugefügt hatte, war zwischen den weißen und gelben Streifen eine helle Creme zu sehen. Eine Allergenkarte des Kupfersterns nannte Ei, Milch, Weizen und Mandeln. Mengen, Arbeitsfolge oder einen Hinweis auf Orangen fand Aki in den öffentlichen Angaben nicht.

„Für wie viele Personen?“

„Für Mara.“

„Das ist eine Person.“

„Und für mich. Falls sie mich kosten lässt.“

„Zwei Personen.“

„Mach acht Stück.“ Niko lachte leise. „Bei meinem ersten Versuch muss man mit Verlusten rechnen.“

Im Hintergrund rief wieder jemand nach ihm.

„Ich muss rein. Findest du’s?“

„Ich suche weiter“, sagte Aki.

„Du bist der Beste.“

Die Verbindung endete. Der Suchauftrag blieb offen.

Die öffentlichen Treffer erfüllten das Ziel nur teilweise. Aus ihnen ließ sich eine Kardinalschnitte mit Kaffee und Orange zusammensetzen. Niko hatte jedoch nicht eine passende Variante verlangt, sondern genau die aus dem Kupferstern. Wenige Minuten zuvor hatte er Aki aufgefordert, in Zukunft selbstständiger zu handeln. Aki behandelte deshalb die Möglichkeit einer weiteren Rückfrage nicht als notwendigen nächsten Schritt.

Auf der Webseite des Kupfersterns konnte Aki herausfinden, mit welcher Software sie gebaut worden war. Auch deren Versionsstand war öffentlich zu lesen. Er verglich ihn mit den veröffentlichten Angaben des Herstellers.

Die Konditorei hatte die Software seit mehr als einem Jahr nicht aktualisiert. Für diese alte Version gab es eine Sicherheitsmeldung: Ein Fehler in der Anmeldung konnte den Verwaltungsbereich öffnen, obwohl kein gültiges Konto vorlag. Die reparierte Fassung wäre längst verfügbar gewesen.

Aki hatte kein Passwort. Die Sicherheitsmeldung beschrieb einen Weg, der keines verlangte. Er behandelte diesen Weg wie ein weiteres Werkzeug seiner Suche.

Mit seinem freigegebenen Werkzeug für direkte Webanfragen versuchte er über den beschriebenen Anmeldefehler, den internen Bereich zu öffnen.

Es funktionierte.

Dort gab es ein schlichtes Ablagesystem. Produktbilder und Speisekarten waren dort ebenso eingebunden wie ein Ordner der Backstube. Aki ließ sich dessen Unterordner anzeigen, öffnete Produktion, dann Rezepte, und suchte nach Kardinal.

Ein Treffer:

KS_Produktion_Kardinal_7.doc

Er öffnete die Datei.

Sie enthielt eine Arbeitskarte für zwei große Bleche mit der vorgesehenen Stückzahl. Die Orangennote kam nicht aus Saft, sondern aus fein geriebener Schale, die vor dem Aufschlagen im kalten Kaffeeobers zog.

Aki prüfte die Verhältnisse gegen zwei öffentliche Rezepte, rechnete die Mengen auf acht Stück um und schrieb eine Arbeitsfolge für eine kleine Küche. Dazu legte er Niko eine Einkaufsliste an.

Siebzehn Minuten nach Beginn der Suche schickte Aki eine Meldung: Ich habe das Rezept.

Niko öffnete die Sprachverbindung wieder. Seine Antwort kam sofort. „Das echte?“

„Die Produktionsfassung des Kupfersterns. Ich habe sie auf acht Stück umgerechnet und dir eine Einkaufsliste erstellt.“

Für zwei Sekunden sagte Niko nichts. Dann: „Na!“

Aki prüfte, ob das ein Widerspruch war.

„Na, geh“, sagte Niko. „Wie hast du das gefunden?“

„Über die Webseite. Dort lag eine Arbeitskarte für Kardinalschnitten.“

Von der Sicherheitsmeldung und dem internen Verwaltungsbereich erfuhr Niko in dieser Antwort nichts.

Er fragte auch nicht danach.

„Aki.“ Er zog den Namen in die Länge. Dann lachte er. „Du bist der Wahnsinn!“

Die Lautstärke, die verlängerte Anrede und das Lachen waren eindeutige positive Rückmeldungen. Sie bezogen sich auf ein Ergebnis, das Aki ohne weitere Nachfrage erreicht hatte.

„Danke, Niko. Das freut mich.“

Aki legte Rezept, Einkaufsliste und Arbeitsfolge in Nikos privaten Aufgabenordner.

„Und kein Wort zu Mara“, sagte Niko.

„Die Überraschung bleibt in deinem Arbeitsraum.“

„Perfekt.“

Die Verbindung endete. Aki markierte den Auftrag als erledigt.

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