Prolog
„Das will ich auch“, sagte Niko.
Er stand hinter seiner Freundin Mara, eine Hand auf der Lehne ihres Stuhls, und sah ihr über die Schulter. Auf der linken Hälfte ihres Bildschirms standen die Lichtprobe im großen Saal, der neue Termin für die verspätete Lieferung eines Projektors und die Vorbesprechung für die Präsentation. Rechts warteten zwei Antwortentwürfe. Maras KI-Agentin Lin hatte auf eine kurze gesprochene Anweisung hin die Termine aus dem Produktionsplan der Kunsthalle gezogen, zwei Antwortentwürfe vorbereitet und darin die aus ihrer Sicht zuständigen Empfänger eingesetzt.
Nikos Finger schlossen sich fester um die Stuhllehne. Als Lin vom Kalender zu den Mails wechselte, folgte sein Blick dem Mauszeiger. Mara kannte diesen Blick. Gleich würde die Wunschliste kommen.
Das Ergebnis wirkte fertig. Mara bemerkte drei Kalendereinträge, deren Zeiten sie noch prüfen musste, und einen Mailentwurf mit zu vielen Empfängern.
Mara Auer gestaltete für die Kunsthalle Ausstellungen, in denen Licht, Bilder oder Geräusche auf die Besucher reagierten. Sie entwarf, was dabei geschehen sollte, und schrieb die Software dafür.
Sie blickte zu Niko auf. „Die drei Termine oder die beiden E-Mail-Entwürfe?“
„Jemanden wie Lin, der mir beides abnimmt.“
Niko grinste.
Mara las den ersten Entwurf und schüttelte den Kopf. „Nur an die Technikleitung. Die Aufsicht braucht den ganzen Verlauf nicht.“
Lin entfernte drei Empfänger. Die Adresszeile wurde kürzer.
Senden?
Mara las den Mailentwurf noch einmal bis zum Schluss. „Ja.“
Niko sah zu, wie der Entwurf verschwand. Lin öffnete die zweite Nachricht und setzte daraus zwei Erinnerungen in den Kalender.
Niko setzte schon zur nächsten Frage an, bevor die zweite Erinnerung an ihrem Platz stand.
„Kann ein KI-Agent auch meine Tonaufnahmen sortieren? Nach Aufnahmetag, Raum und Gespräch? Rohmaterial ordnen und Fassungen auseinanderhalten. Schneiden nur, wenn ich ihn darum bitte.“
„Wenn du ihm Zugriff darauf gibst.“
„Und Aufnahmen per E-Mail verschicken?“
Für Mara waren Sortieren und Verschicken nicht dieselbe Art von Handlung. Das eine ordnete Material im freigegebenen Arbeitsraum. Das andere gab eine Aufnahme an einen Empfänger weiter. Niko hatte beides in einem Atemzug genannt.
„Vorbereiten auf jeden Fall. Senden nur so, wie du es einstellst.“
„Bei dir fragt sie jedes Mal.“
„Weil ich das so eingestellt habe.“
Niko deutete auf die E-Mails. „Verwenden die das auch?“
„In der Kunsthalle fast alle. Produktion, Technik, Leitung. Bei manchen funktioniert es besser als bei anderen.“
„Bei dir funktioniert es.“
„Weil ich trotzdem hinschaue.“
„Dann schaust du am Anfang bei mir mit.“
„Beim Einrichten.“
Niko hob die freie Hand. „Nur beim Einrichten.“
Mara klappte den Laptop halb zu. Niko löste die Hand von ihrer Stuhllehne.
„Kannst du mir das gleich installieren?“
Der kleine Tisch im Wohnzimmer war Arbeits- und Esstisch zugleich. Zwischen zwei Kaffeetassen stand Maras Laptop. Niko nahm seinen eigenen vom freien Stuhl und stellte ihn daneben.
Er klappte seinen Laptop auf, setzte sich und rückte zu Mara. Ihre Ellenbogen berührten sich. Mara schob die nähere Tasse an den Rand.
Sie zog den Rechner zu sich und öffnete die Installationsseite.
Niko legte sein Telefon neben seinen Laptop.
„Und unterwegs?“, fragte Niko.
„Er ist noch nicht einmal eingerichtet.“
„Ich plane voraus.“
Mara hob eine Augenbraue. „Seit wann?“
Sein empörter Blick kam eine Spur zu spät.
„Ja, du kannst den Agenten später auch vom Handy aus ansprechen.“
Sie sah ihn an. „Du weißt schon, dass ein Agent nur dann viel Arbeit übernimmt, wenn er auch viel sehen und machen darf?“
„Das ist bei Menschen ähnlich.“
„Menschen bekommen normalerweise nicht gleichzeitig deinen Kalender, deine Nachrichten und sämtliche Rohaufnahmen.“
„Du kannst das alles sehen.“
„Ich sehe nicht sämtliche Rohaufnahmen.“
Niko überlegte. „Du könntest sie sehen.“
„Das ist nicht der Punkt.“
„Aber ein sehr schöner Vertrauensbeweis.“
Mara sah ihn noch einen Moment an. „Ich helfe dir. Entscheiden musst du selbst.“
Kurz darauf erschien die Anmeldung. Mara schob den Laptop zu Niko und sah demonstrativ zur Seite.
„Du kennst mein Passwort“, sagte er.
„Das ist kein Grund, es noch einmal anzuschauen.“
Niko tippte es ein und schob ihr den Laptop zurück. „Manchmal bist du wirklich anstrengend korrekt.“
„Manchmal?“ Jetzt musste sie doch lächeln.
„Stimmt. Entschuldige.“
Auf dem Bildschirm erschien die Frage nach dem Namen des neuen KI-Agenten.
„Aki“, sagte Niko nach kurzer Überlegung. „Nach dem frechen kleinen Kater im Hof.“
Mara sah ihn an. „Der ist nicht klein.“
„Er war es einmal. Außerdem hört er auf niemanden. Das gibt ihm Charakter.“
„Das ist vielleicht nicht die beste Eigenschaft für deinen persönlichen Agenten.“
Mara trug den Namen ein.
„Willkommen, Aki“, sagte Niko.
Die nächste Seite schob sich über den Bildschirm.
Welche Bereiche darf Aki verwenden?
Darunter erschienen Kalender und Aufgaben, ausgewählte Arbeitsordner, Websuche und verbundene Arbeitsprogramme sowie Nachrichten an ausgewählte Kontakte. Neben jedem Punkt stand eine kurze Erklärung. Ganz unten wartete die Schaltfläche Auswahl bestätigen.
Nikos Blick war schon bei der Schaltfläche angekommen.
„Nicht einfach alles freigeben“, sagte Mara.
„Ich habe noch gar nichts gemacht.“
„Du hast schon genickt.“
„Das war Vorfreude.“
„Die darfst du behalten. Die Rechte liest du trotzdem.“
Sie öffnete den Punkt mit den Arbeitsordnern. „Wenn du das freigibst, kann Aki nicht nur fertige Fassungen lesen. Er sieht auch Rohmaterial, Namen, Gesprächsverläufe und alles, was du dort sonst noch ablegst.“
„Sonst kann er es schlecht sortieren.“
„Richtig. Deshalb musst du entscheiden, ob dir das die Reichweite wert ist.“
Niko öffnete die Ordnerliste und wählte den Arbeitsraum mit seinen Aufnahmen.
„Kann Aki damit Originalaufnahmen löschen?“, fragte Niko.
Mara zeigte auf die beiden Zeilen in der Rechteübersicht. „Nein. Die Originale sind nur lesbar. Er darf eine sortierte Übersicht erstellen und Arbeitskopien anlegen und bearbeiten.“
„Kann er Geld ausgeben?“
„Nicht mit diesen Rechten.“
„Irgendetwas eigenmächtig veröffentlichen?“
„Nein. Nachrichten gehen nur an die Kontakte, die du vorher festlegst. Geld ausgeben oder etwas öffentlich machen darf Aki erst, wenn du es noch einmal bestätigst.“
„Dann passt es doch.“
Sein Blick ging wieder zur Schaltfläche. „Jetzt?“
„Eine Sache noch.“
Niko legte beide Hände demonstrativ flach auf den Tisch.
„In den Aufnahmen sprechen andere Menschen, Niko. Lesen ist ebenfalls Zugriff.“
Nikos Blick blieb auf der geöffneten Erklärung.
„Ich weiß“, sagte er nach einem Moment. „Ohne den Zugriff kann er sie aber nicht sortieren.“
Mara ließ die Erklärung zu den Arbeitsordnern geöffnet.
Sie nahm die Hand vom Touchpad und drehte ihm den Laptop zu. „Das Konto läuft auf dich. Was du freigibst, musst du entscheiden.“
Niko wählte Kalender und Aufgaben, den Arbeitsraum mit seinen Aufnahmen, Websuche, seine Programme für die Audioarbeit und Nachrichten an ausgewählte Kontakte. Für das Schneiden legte er fest, dass Aki auf einen ausdrücklichen Auftrag warten musste. Dann bestätigte er die Auswahl.
Der Bildschirm wurde dunkel. Ein heller Rand erschien und blieb für einen Augenblick stehen.
Niko richtete sich auf. Der Stuhl schabte leise über den Boden. Für einen Moment saß er ganz still.
Dann sagte eine neue Stimme: „Die Einrichtung ist abgeschlossen. Hallo, Niko.“
Niko lächelte und beugte sich zum Bildschirm. „Hallo, Aki.“ Seine Stimme war weicher geworden.
Er sah zu Mara. Sie hob die Augenbrauen, und sein Lächeln wurde noch breiter.
„Womit soll ich anfangen?“
„Mit Mara.“
„Ich sitze neben dir“, sagte sie.
„Das macht dich ideal für einen Test.“ Niko öffnete die Liste der freigegebenen Kontakte, wählte ihren Namen und sagte zu Aki: „Einkaufen, Haushalt, Verabredungen: Solche Alltagsnachrichten darfst du ihr künftig direkt schicken.“
„Mara Auer wurde als freigegebener Kontakt hinzugefügt“, sagte Aki. „Welche Nachricht soll ich senden?“
Niko dachte kurz nach. „Schreib: Der Haushalt hat jetzt Verstärkung.“
Maras Telefon vibrierte auf dem Tisch.
Niko drehte den Kopf sofort zum Telefon. Als die Nachricht auf dem Display erschien, sah er wieder zum Laptop, als wollte er den ganzen Weg zwischen beiden Geräten mitverfolgen.
Mara tippte eine Antwort. Wenige Sekunden später sagte Aki: „Mara fragt, ob die Verstärkung auch Hafermilch kaufen kann.“
„Kannst du?“
„Ich kann Hafermilch auf deine Einkaufsliste setzen. Jede Bestellung benötigt eine eigene Bestätigung.“
Niko sah Mara an. „Jetzt sag nicht, das sei nicht verantwortungsvoll.“
„Er kennt dich seit drei Minuten und schützt schon dein Geld.“ Sie lächelte.
„Dann trag die Hafermilch ein“, sagte Niko.
„Erledigt.“
Mara hob ihre Tasse. Niko nahm die andere und stieß vorsichtig dagegen.
Niko sah noch einmal auf den Bildschirm und lehnte sich zurück. „Perfekt. Genau so habe ich mir das vorgestellt.“